Die Moderatorin Hemma Rüggen tritt auf die Bühne, das Handy läutet, gerade als sie zur Moderation ansetzt, sie hetzt aus dem Raum. Was war geschehen? War etwas Schreckliches passiert? Erhielt sie die Mitteilung einer verstörenden Nachricht? - eine gespielte Szene, die schnell zur Wirklichkeit werden kann: ein tragisches Ereignis, das unser Leben durcheinanderbringt, so wird der Titel des Symposium "Störfaktor Trauer" plastisch und unvermittelt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Am 22. November 2016 nahmen rund 200 Teilnehmer/innen am zweiten Symposium der Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerbegleitung: "TRAUER LEBEN - Störfaktor Trauer" in St. Virgil, Salzburg, teil. Nach den Begrüßungsworten von der Präsidentin von Hospiz Österreich Waltraud Klasnic stellte die Bundesarbeitsgemeinschaft Trauer sich und ihre Mitglieder vor.

Im ersten Vortrag thematisierte Christian Metz im Vortrag "So funktioniert es nicht" Trauer als Störfaktor und Unterbrechung unserer gesellschaftlichen und persönlichen Lebensmuster und stellte wichtige Impulse zum Nachdenken an den Anfang des Symposiums.

Trauer "stört" und "verstört" irgendwie immer: Wie kann man einfach so weitertun? So die Frage von Christian Metz, der die Geschichte eines Vaters erzählt, dessen 21-jähriger Sohn an Leukämie erkrankte und starb. "Alles, was ich geplant habe, zählt nichts mehr" sagt der erfolgreiche Geschäftsmann, der durch den Verlust seines Sohnes auch seine Zukunft verlor. Doch wie lässt es sich leben, möglicherweise sogar gut leben, trotz aller Verluste, die das Leben prägen?

Gerade in einer Gesellschaft, in der Funktionieren gefragt ist, stören Verluste und durchbrechen die Routine. Umso wichtiger erscheint es, wie wir Verluste wahrnehmen und wie wir als Gesellschaft damit umgehen, ihr den entsprechenden Raum geben, ohne Trauer zu pathologisieren.

Trauernde ebenso wie die Menschen um sie herum erleben, dass Trauer sich in alle Lebensbereiche hineindrängt, Gewichtungen verschiebt, irritiert. Trauer wirkt, und möglicherweise wandelt sie uns und unsere Lebensvorstellungen, soweit Zeit, Raum, Erlaubnis und Sicherheit dafür gegeben sind, dass ich so sein kann, wie ich bin. Dies geschieht auf den Ebenen des Fühlens, des Tuns, des Vermeidens und des Denkens.

Verlusterfahrungen können eine Einbruchstelle sein im Strom des Gewohnten, sie eröffnen möglicherweise eine neue, lebensfreundliche Haltung, Einstellung und Alltagspraxis, was das Zeiterleben, die Trauerwege, das Verbunden sein und das Vertrauen in das Leben nach der tiefen Erschütterung durch einen Verlust anbelangt.

Nach Diskussion und Pause berührte Barbara Pachl-Eberhart mit ihrem sehr persönlichen Vortrag zum Thema: "Danke, ich will kein Taschentuch", bei dem sie aus der eigenen Lebensgeschichte erzählt. Der Tod hatte unerwartet und sehr heftig an die Tür geklopft, als bei einem Zugsunglück ihr Mann und beide Kinder starben. Der Tod kommt herein, nimmt Menschen mit und geht. Die Trauer bleibt, nimmt Platz im Herzen, in unserem Leben. Wie sollen wir der Trauer begegnen? Wie bringen wir unser Umfeld dazu, sie aufzunehmen, in den Freundeskreis, ins Team?

In dieser Störung stecken viele Chancen, doch worin liegen diese? Trauer ruft uns auf, ein neues Bild von uns zu schaffen: Wie viel Platz ist in der Gesellschaft dafür da? Es geht dabei nicht nur um Neuorientierung, sondern auch um "Altorientierung". So erzählt Pachl-Eberhart, wie wichtig die Frage einer Therapeutin nach ihrem Schicksalsschlag für sie war: "Wer war ich denn immer schon? Wer war ich, bevor ich den Mann und die Kinder kennengelernt habe?", um so dem nachzuspüren, was dem Leben Halt gibt. "Trauer nimmt uns zuerst einmal viel Kraft, macht uns schwach und nimmt uns damit auch die Möglichkeit, uns zu verbiegen, dadurch führt sie uns ein Stück näher zu uns selbst", so Pachl-Eberhart: "Was will Trauer noch? Sie will uns erleben lassen. Habe ich die Trauer WIRK-lich erlebt, so erlebt, dass sie an mir wirken kann? Dem können wir ohne Stress begegnen, nachdem wir davon ausgehen können, dass sie uns wieder besuchen kommt."

Aus ihrer Erfahrung hinterfragt Barbara Pachl-Eberhart auch Sätze wie "Trauer ist keine Krankheit", da Krankheit ja auch zum Leben gehört und nichts Unnatürliches ist. Die Bewertung bietet den Vorteil, dass Psychotherapie bezahlt wird und die Genehmigung beinhaltet: Ich brauche Schonung, muss raus aus dem Spiel und bekomme alle Heilmittel, die ich brauche.

Auf die Frage an sie, was ihr das Wichtigste in der Trauer war, schilderte sie: "Als ich von der Friseurin hörte, dass meine Mutter zu ihr gesagt habe: 'Die Barbara darf jetzt in ihrem Leben alles tun, was sie will!' ". Diese begründete Erlaubnis und Freiheit sei für sie die wichtigste Erfahrung gewesen. Ein berührender Moment war es für alle im Saal, als Pachl-Eberhart auf Wunsch von Waltraud Klasnic zum Abschluss ein irisches Lied vorsang.

Am Nachmittag wurden in neun Workshops unterschiedliche Facetten und Sinne angesprochen, vom "Trauertanz" mit Brigitte Riss, "Singen und Klingen" mit Anneliese Breher und Isabella Ehart bis zu "Vom Schreiben und Lesen in der Trauerbegleitung". Heilsames für die Trauer wurde durch diese kreativen Zugänge angeregt. Mit den verschiedenen Lebenswelten setzten sich andere Workshops auseinander: "Trauerprozesse in Alten- und Pflegeheimen" mit Annette Henry und Gerda Schmidt, "Trauerbegleitung am Arbeitsplatz" mit Irene Lanner, "Trauer in der Familie" mit Ulrich Mai und Poli Zach-Sofaly und "Trauer und Sterben bei Menschen mit intellektueller Behinderung" mit Renate Trauner. Christian Metz wandte sich dem Thema "Innere Trauerwelten" zu mit der Fragestellung: "Wie lassen sich die vielfältigen Erlebensweisen von Trauernden wahrnehmen, anerkennen und lebensförderlich begleiten?". Vera Wimmer stellte aus der Begleitung von Kindern in Trauer heraus die Frage "Wie hältst du meine Tränen aus?".

Der künstlerische Ausklang mit Lebenstänzer Felix Grützner und der Flötistin Britta Bauer rundete das Symposium ab und ließ alle Teilnehmer/innen bereichert nach Hause gehen.

Das Symposium wandte sich an bereits aktive Trauerbegleiter/innen und solche, die sich für eine Ausbildung interessieren. Weil Trauer ein Thema ist, das uns alle angeht, war es Ziel der Veranstaltung Trauer eine Stimme zu geben, um den Prozess und die Erfahrung des Trauerns gesellschaftlich mehr ins Bewusstsein zu rücken. Menschen in Trauer sollten sich ausreichend verstanden fühlen und gegebenenfalls qualifizierte Begleitung erfahren und in Anspruch nehmen können.

Wir danken MMag. Christof Eisl, Geschäftsführer Hospizbewegung Salzburg, für die Bereitstellung dieses Beitrags

Zeitgleich zum Symposium wurde eine Presseaussendung verschickt.

>> Impressionen als *.pdf
Fotos © J.Baumgartner, DV Hospiz Österreich

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerbegleitung bedankt sich herzlich beim BMASK für die finanzielle Unterstützung des Symposiums!